Juli 30, 2011
Afghanistan - Gradmesser für die (System-) Dekadenz - 4

1989 und danach – in Afghanistan und - in Kabul

Nach Abzug der Schutzmacht eines schwachen Staates fällt dieser in der Regel in sich zusammen. Es gibt keine bürgerliche Gesellschaft und keine diese schützende Gesetzgebung als Grundlage eines in irgendeiner Art und Weise manifesten Gemeinwesens.  Auch archaisch strukturierte und in der Gemeinschaft verwurzelte Patronagesysteme mit durchaus im lokalen Stammesgefüge enthaltener demokratischer Legitimation wurden in der Regel bereits vorher von der Schutz- und bald auch – der Besatzungsmacht beseitigt  - besser -  aktiv zerschlagen oder eher passiv unterminiert – je nach Art und Stand der Intervention oder Infiltration.
„Überschichtung“ und entsprechende Beseitigung bestehender archaischer, in der Gemeinschaft verwurzelter Patronagesysteme in Ermangelung von Zeit- und Ortskenntnis der politisch und/ oder militärisch Tätigen ist dabei nicht die Ausnahme, sondern eher die Regel. Somit werden dann bald die Beschützer, wenn diese aus einer völlig einseitigen – unilateralen Denk- und Herangehensweise heraus handeln und dem Ort und den Menschen dort ihre „Ideen“ und „Werte“  einfach überstülpen wollen in dem Moment, in dem diese Fremdheit und diese Ignoranz von den Menschen oft physisch wie psychisch schmerzhaft bemerkt und erfahren – mithin – er- und durchlebt und erlitten wird zu Besatzern. Der „fremde Schutzherr“ wird für den zum Untertanen degradierten, dort ansässigen, also  zumindest „Heimrecht“ genießenden „Eingeborenen“ zum finsteren Eindringling in seine Privatsphäre.  Sein bescheidenes Leben an diesem Ort und zu dieser Zeit – und das Leben seiner Familie als einzige, in die Zukunft hineinreichende Perspektive, die ihm irgendwie ein Überleben seiner selbst in Nachkommenschaften ermöglicht wird durch den fremden Eindringling bedroht.
Im Moment des Abzugs also der solchermaßen (selbst-) demontierten Besatzungsmacht tritt das vorher aktiv und passiv geschützte und mit lokalen Statthaltern in allen Ebenen besetzte Macht- und Gesetzesvakuum immer deutlicher zu Tage. Der Sog, der aus diesem Vakuum resultiert führt schon bald zur Implosion des Staatswesens. Darin fallen alle Schutzmechanismen für das Gemeinwesen – die Gesellschaft in einem solchermaßen geschwächten Staat gleichfalls in sich zusammen. Der Bürger wird zwischen den Fronten zerrieben. Sein Leben – und der Wert desselben richtet sich nach seinem gesellschaftlichen Stand – also auch und in allererster Linie nach seinen Besitztümern. In den meisten eher schwachen Staaten auf der südlichen Hemisphäre ist das Leben von 95 und mehr Prozent der Bevölkerung insbesondere in solchen Momenten völliger Schutzlosigkeit bald gar nichts mehr wert.

 Nach dem Abzug der Sowjets tut sich bald dieses Vakuum in Afghanistan auf. Mächtige und – noch immer komplett aufgerüstete Feudalherren strömen mit ihren entsprechend gut ausgestatteten Truppen nach Kabul, um sich die Zentralmacht  - und ihren Anteil daran zu sichern. Ähnlich wie im Sizilien des 19. Jahrhunderts sich der von Verarmung und Machtverlust bedrohte Feudaladel mit Verbrechern verbündet, um so seine Macht und seine Besitztümer zu retten und weiterhin zu sichern und so etwas begründet, was allgemein als Mafia bezeichnet wird scharen nun Feudalherren – auch Landlords genannt ihre Schergen noch einmal um sich. Dass immer noch genügend Waffen im Lande sind – amerikanische auf Seiten der Mujaheddin, die gegen die Sowjets kämpften – chinesische und sowjetische – letztlich aber Waffen aus aller Herren Länder – das erleichtert den Landlords, die nun als Warlords fungieren vieles.
Gemeinsam haben sie dem Eindringling widerstanden – nun geht es um die Aufteilung des Kuchens. Dass dabei immer wieder neue Koalitionen gebildet werden und der Fahnenwechsel – je nach eigener Vorteilslage dazugehört – das versteht sich in einer solchen Art des Konfliktes, der bald aufgrund der bereits erfolgten und auch weiterhin garantierten Überschwemmung des Landes mit Waffen aller Art zum Krieg auswächst von selbst.

In Kabul hält der baldige kurzzeitige Premierminister von der Hizb-i-Islami – der Islamischen Partei – der lange Zeit von den US, Saudi-Arabien und Pakistan im Kampf gegen die Sowjets unterstützte Feldherr Gulbuddin Hekmatyar die Stellung auf den Stadtmauern hoch über dem Süden der Stadt. Die von seinen Kämpfern von dort abgefeuerten Raketen sollen die Truppenbewegungen gerade von Präsident Rabbani darunter, im Tal in Schach halten. Dort, in der Altstadt und beim Arg – dem von Amir Abdur Rahman, dem eisernen König, der Afghanistan nach dem zweiten Anglo-afghanischen Krieg in den 1880ern gewaltsam einte gebauten Regierungsviertel und südwestlich davon – zum Darulaman Viertel hin – jener Stadterweiterung aus den 1920er Jahren, die im von deutschen und französischen Ingenieuren in einem groß angelegten Ausbildungs-und Entwicklungsprogramm erstellten „afghanischen Reichstag“, dem Darulaman-Palast ihren baulichen Ziel- und Höhepunkt hat – dort halten eben andere Warlords – und die Truppen Rabbanis die Bevölkerung in Schach. Die meist von der Schulter abgefeuerten Raketen – sie fordern aufgrund der mangelnden Zielgenauigkeit großen „Kollateralschaden“ – unter Menschen und Bebauung. Erbitterte Straßengefechte und Häuserkämpfe besorgen den Rest. Mehr als 60 % der Altstadt und des Darulaman-Viertels werden zerstört. Das menschliche Leid – wie viele Menschen auf den Straßen und in ihren Häusern sterben oder verkrüppelt werden – das ist kaum zu ermessen. Wie vorher bereits angemerkt – es interessiert ohnehin niemanden.

Insofern sind die Taliban als Recht und Ordnung installierende Macht 1996 bei weiten Teilen der ausgelaugten Bevölkerung gerade auch in Kabul und anderen städtischen Zentren willkommen. Endlich kann man wieder sicher die Straße überqueren.
Endlich herrscht wieder ein Gesetz, das eben ein Mindestmaß an Schutz und Sicherheit gewährleistet.
Es entsteht eine Art – afghanischer, insofern -  umgekehrter Protektionismus. Das kriegszerstörte Land wird international isoliert. Alleine Saudi-Arabien, einige Golfstaaten und Pakistan erkennen das Taliban-Regime an.
Zwischen 1996 und 2001 verschwindet das Land als Produzent vom Welt- Drogenmarkt.


Alle Abbildungen - Fotos vom Verfasser hier.